Gideon Greif trägt zur Rolle des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau vor

Der  israelische Historiker und Pädagoge Prof. Dr. Gideon Greif informierte am 19. November 2013 die anwesenden Schülerinnen und Schüler der Stufen 9 bis Q2, deren Eltern und Lehrer sowie interessierte Gäste in der vollständig gefüllten Aula des Hansa-Gymnasiums Köln über diese Thematik. Diese außergewöhnliche Veranstaltung, die auf die Initiative der Fachschaft Geschichte organisiert wurde, konnte durch Mittel der STIFTUNG ERINNERN ERMÖGLICHEN finanziert werden, der wir ganz herzlich danken.

Zur Person des Vortragenden

Dr. Gideon Greif,  geboren 1951, stammt aus einer deutschsprachigen, jüdischen Familie. Der weltweit durch seine Forschungen renommierte Historiker war fast dreißig Jahre lang Mitarbeiter in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte und dem Holocaust-Museum in Jerusalem. Zahlreiche seiner wissenschaftlichen und insbesondere pädagogischen Projekte führen ihn immer wieder ins Ausland – auch nach Deutschland: Bildungsarbeit, Seminare, Konferenzen, Vorträge, Diskussionen und anderes stehen hier auf dem Programm. Seit 2009 ist er am Shem Olam Institute for Education, Documentation and Research on Faith and the Holocaust in Israel tätig. Seit August 2011 wurde er zum Professor für israelische und jüdische Geschichte am Schusterman Center für jüdische Studien an der Universität von Texas, Austin, USA, berufen. Er unterrichtete dort Holocaust Studien und die moderne Geschichte des Staates Israel. In den USA arbeitet er zudem für die Stiftung in Projekten über Holocaustlehren in Miami, Florida.

Das jüdische Sonderkommando als Forschungsgegenstand

Die Nationalsozialisten haben im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz mindestens 1,2 Millionen Menschen systematisch ermordet. Nur wenigen ist heute bekannt, dass die deutsche Lagerleitung hauptsächlich jüdische Häftlinge anhielt, zu Mitarbeitern dieser Todesfabrik zu werden. Der Israelische Historiker und Pädagoge Gideon Greif befasst sich seit 1986 mit dem Schicksal jüdischer Überlebender des Holocaust, insbesondere mit der Erforschung des jüdischen "Sonderkommandos" in Auschwitz-Birkenau. Seine Gespräche mit Überlebenden veröffentlichte er in seinem Buch "Wir weinten tränenlos - Augenzeugenberichte des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz". Es ist das Ziel seiner Forschung, die Geschichte des Kommandos möglichst genau mit Hilfe der Zeugenaussagen und Dokumente zu rekonstruieren.

Juden als Teil der Vernichtungsmaschinerie

Dazu sagt Gideon Greif: "Das  Teuflische ist, dass die Juden selber - gezwungenermaßen - dabei sein mussten beim Mordprozess und zusehen mussten, wie ihre Brüder, Geschwister, Eltern, Familien ... und ihr Volk, das jüdische Volk, ermordet wurde. Als Mitarbeiter mussten sie sich daran beteiligen, die Opfer zu belügen und zu täuschen. Ich glaube man kann sich etwas Schlimmeres gar nicht vorstellen - und das war Absicht, kein Zufall oder ein Mangel an anderen Mitarbeitern. Da waren Tausende von anderen Häftlingen oder die SS hätte es selber machen können, aber es war eine Idee, nämlich, dass die Juden selber Schuld fühlten. Das passte zu den Ideen der Nationalsozialisten, wie die Tatsache, dass die späteren Opfer manchmal ihre Fahrkarte nach Auschwitz selbst kaufen mussten: Du musst sterben, aber Du musst auch bezahlen. Oder dass einige Judenräte die Listen selber vorbereiten mussten, wer deportiert wird und wer nicht. Das passte sehr gut in die Denkstruktur der SS-Leute, die Opfer in das Verbrechen zu involvieren, oder besser gesagt, die Schuld zu teilen, nicht nur Täter und Opfer, sondern alles gemischt. Das ist sehr typisch, charakteristisch, das ist zynisch, sadistisch, das ist brutal, das ist dämonisch (…)  So soll sich mal jeder der Leser vorstellen, er oder sie müsste die Leiche der eigenen Mutter oder Frau oder Kinder selber aus der Gaskammer herausholen und verbrennen. Ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres als das."

Zuhörer als aktiver Teil des Vortrags

Gideon Greis ist es gelungen, seinen Vortrag dialogisch  zu gestalten, so dass sich die Zuhörer immer wieder mit ihren Fragen und Kommentaren in dieses lebendige Gespräch einschalten konnten. Eine Fülle an Fotos haben die Aussagen des Historikers konkretisiert. Wir danken Prof. Greif für diesen Abend ganz herzlich.